Brauchen wir in 5 Jahren noch SAP-Berater – Uwe Grensing im Interview

Uwe Grensing, Geschäftsführer der Grensing Business Technology Consulting GmbH, im TDF-Interwiew

 

TDF: Hallo Herr Grensing, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für unser Interview genommen haben. Wie sind Sie eigentlich zur SAP-Beratung gekommen?

Uwe Grensing: Als Schüler/Student bin ich über die Themen PC-Verkauf, Netzwerkaufbau und Softwareentwicklung erstmals mit IT und Betriebswirtschaft in der IT in Kontakt gekommen. Damals lernte ich die Grundlagen (Auftrag schreiben, Lieferschein erstellen, …) meiner aktuellen Tätigkeit kennen. Später im Studium hatte die Uni Marburg die Idee ein eigenes SAP aufzubauen. Auf diese Stelle habe ich mich als HiWi beworben und wurde eingestellt. Also machte ich mich an die Arbeit und hatte das Ziel die Prozesse einer „Frittenbude“ in SAP einzurichten – das war schon herausfordernd, zumal damals kein IDES-System zur Verfügung stand. Zum Abschluss meines Studiums hatte ich dann die Möglichkeit meine Diplomarbeit bei einem Unternehmen durchzuführen, das SAP einführte. Dann kam eines zum anderen und ich machte mich selbstständig und seitdem arbeite ich als SAP-Berater.

 

TDF: Was war ihre Rolle im Rahmen ihrer Diplomarbeit – haben Sie als Junior-Consultant gearbeitet?

Uwe Grensing: Das ist eine interessante Frage … das Unternehmen hatte zunächst die klassischen Modul FI / CO eingeführt. Nach Projektende fing der CIO des Unternehmens an nachzurechnen, ob sich die sie SAP-Einführung gelohnt hatte. An dieser Stelle kam meine Arbeit zum Tragen, in dem ich die Frage untersuchte: „Wie kann man nachweisen kann, dass sich die SAP-Einführung gelohnt hat?“ In dieser Zeit entwickelte ich das theoretische Leitbild des „Gestaltungsorienterten ITManagements“.


TDF: Könnte man ihren Ansatz des Gestaltungsorientierten IT-Managements so verstehen, dass man zunächst eine IT-Strategie entwickelt und anschließend SAP einführt?

Uwe Grensing: Ich fasse das Thema weiter – man muss Unternehmensstrategie, Organisation, Personal und Technologie vor dem Hintergrund der Unternehmensumwelt und Unternehmensgeschichte unter einen Hut bringen. Die SAP-Einführung ist dann ein Werkzeug, dies entsprechend umzusetzen. Legt man beispielsweise Wert auf schlanke und kostengünstige Prozesse, wird man vielleicht nicht jeden Produktionsschritt mit einer im System festgehaltenen Qualitätsprüfung dokumentieren. Oder andersherum: Wenn die Erfüllung regulatorischer Anforderungen grundlegend ist, müssen eben entsprechende SAP-Module wie z.B. QM eingeführt werden.

 

TDF: Das erinnert mich an eine Szene in einem Projekt, wo der IT-Leiter sich vehement wehrte eine IT-Strategie aufzustellen, mit der Begründung: Er sehe keine klare Unternehmensstrategie.

Uwe Grensing: Ja, genau … ein vergleichbare Szene habe ich auch in einem Projekt erlebt. Aus der IT hieß es: „Wir wollen alle Prozesse global einheitlich halten.“ Gleichzeitig erwartet die Produktion, dass weltweit jedes Werk seine eigenen Gestaltungsräume hat, so dass es vor Ort am sinnvollsten ist. Und natürlich passt das nicht zusammen.

 

TDF: Auch diese Szene erinnert mich an eine Management-Aussage: „Man kann ja das eine tun, ohne das andere zu lassen“

Uwe Grensing (schmunzelnd): Das ist Denk-Faulheit: man drückt sich vor Entscheidungen, die dann vor Ort gefällt werden und wundert sich hinterher über die hohen Kosten.

 

TDF: Wie sieht ihr aktuelles Projektleben aus; was sind aktuelle Höhepunkte?

Uwe Grensing: Meine Projekte hatten in der letzten Zeit mit umfangreichen Zusatzentwicklungen zu tun, die meiner Arbeitsweise entgegen kamen. Natürlich ist jeder Go-Live etwas Besonderes, aber Höhepunkte suche ich nicht – hier bin ich eher auf Konstanz bedacht.

 

TDF: Entwickeln Sie selber in Ihren Projekten?

Uwe Grensing: Ich bin prinzipiell in der Lage das zu tun, aber vielfach fehlt mir die Zeit und es ist auch nicht meine Aufgabe. Meine Rolle ist an dieser Stelle eher so zu verstehen, dass ich größere Entwicklerteams anleite und die Detail-Spezifikation erstelle, die Entwickler auch umsetzen können.

 

TDF: In einem Nebensatz haben Sie erwähnt: „… in meiner Arbeitsweise …“ – was zeichnet ihre Arbeitsweise aus?

Uwe Grensing: Gegenüber vielen anderen Funktionalen-Beratern zeichnet meine Arbeitsweise aus, dass ich davon ausgehe, dass es bzgl. SAP-Standardfunktionalität nur eine Wahrheit gibt und das ist der Quellcode; und mit diesem arbeite ich sehr viel. D.h. Ich versuche möglichst detailliert zu verstehen, in wie weit die Anforderung des Kunden im Standard umsetzbar ist. Und dazu muss ich in den Quellcode; ich muss einen Prozess in Debugger durchspielen und muss begreifen, wie funktioniert ein Prozess technisch.

 

TDF: Vertrauen Sie der Dokumentation des SAP-Customizing nicht?

Uwe Grensing: Ich vertraue dem Quellcode, den ich für viele SAP-Module inzwischen recht gut kenne. Habe ich eine neue Anforderung, versuche ich mit dem Debugger zu verstehen: Was ist das Design des Moduls, was hat sich SAP gedacht, was sind die Möglichkeiten, Prinzipien. Und wenn man das verstanden hat, dann  kann man recht schnell sagen, was man im Standard machen kann, und welche Entwicklung, an welcher Stelle schnell gemacht sind. Ich erlebe hier vielfach, dass der Standard nicht verstanden wird und dadurch schnell alles nachgebaut wird.

 

TDF: Hätten sie hier ein Beispiel für Ihre Arbeitsweise?

Uwe Grensing: Ja, ein schönes Beispiel ist das Modul LO-AB (Logistic Agency Business), dass kaum ein Mensch kennt. Dieses Modul habe ich in einem Konzern benutzt, um eine Konzerntransferpreislösung zu bauen. Das ist im Standard des LO-AB so nicht vorgesehen; hier mussten wir eine kleine Lösung entwickeln – das war nur ein 10 Zeiler. Die Alternative wäre eine riesen Entwicklung in SD / MM gewesen– und mit dieser Lösung haben wir uns das gespart. Jetzt ist Kunde hoch zufrieden, dass er seine Anforderung effektiv und nahe am Standard umsetzen konnte.

 

TDF: Ihr Ansatz erinnert mich an meine Erfahrung: In SAP-Projekten fragt man sich ja vielfach, warum eine bestimmte Funktion entwickelt wurde, obwohl es sie im Standard gibt.

Uwe Grensing: Ja, hier muss sich unser Berufszweig etwas an der eigenen Nase fassen. Viele Berater wurden in den 90er ausgebildet und sind teilweise in den Release 4.5 / 4.6 stehen geblieben. Hier muss man natürlich einen Schritt weitergehen und schauen, was bietet SAP mit den neuen Releases.

 

TDF: Ja die Erfahrung kenne ich auch – es ist immer mit Aufwand verbunden, sich abends nochmal hinzusetzen und die neuesten Releasenotes durchzulesen.

Uwe Grensing: Ja, es ist ein Aufwand, aber wenn man sich damit beschäftigt, bietet es auch den Vorteil, dass man aktuelle Projekte für zukünftige Releases ausrichten kann. Bspw. wenn man in einem Projekt arbeitet, wo S4/HANA noch kein Thema ist, und das Thema „Separat disponierte Lagerorte“ aufkommt. Dann kann man schon mal sagen: „Das bekommt ihr nicht, da es diese Funktion mit S4/HANA nicht mehr gibt.“

 

TDF: Auch wenn wir etwas abgeschweift sind: Welche Aspekte machen aus Ihrer Sicht erfolgreiche Projekte aus?

Uwe Grensing: Es ist im Grunde ganz einfach: Es müssen die richtigen Leute zusammensitzen.

 

TDF (lachend): Diese Aussage kann man wohl auf das ganze Leben anwenden.

Uwe Grensing: SAP-Projekte sind People-Business; Dreh- und Angelpunkt des Projekterfolges ist es, die richtigen Leute auszuwählen – und das ist verdammt schwierig. Und viele Unternehmen haben gerad in den letzten Jahren mit dem Glauben „Das geht doch viel günstiger“ extrem viel falsch gemacht, und extrem viel Lehrgeld bezahlt. 200 Inder herholen und alles wird viel günstiger – das funktioniert nicht. Es geht nicht darum, wo die Leute herkommen, sondern man muss sich jeden einzeln anschauen. Wenn das passt, dann habe ich schon gewonnen. Anschließend kann man über die Methodik, die Organisation und das Vorgehen Gedanken machen – aber das ist alles nicht so wichtig. Entscheidend sind kompetente und erfahrene Berater.

 

TDF: Wie kann man das konkretisieren, wie würde so ein erfolgreicher Auswahlprozess aussehen?

Uwe Grensing: Ich brauche im Grunde ein Kernteam. Für jedes Modul oder Teilprojekt brauche ich einen Architekten, einen Chefkoch. Dieser sollte inhaltlich und thematisch in der Lage sein, den Bauplan / das Design zu übersehen, zu gestalten und zu steuern. Diese Architekten müssten als Team zusammenarbeiten und sicherstellen, dass am Ende die Integration klappt – wenn die Architekten gesetzt sind und eng zusammen arbeiten, ist das andere nicht mehr schwierig. Lediglich eine fachfremde, moderierende Projektleitung: das funktioniert in komplexen SAP-Projekten nicht. Effektives Projektmanagement plus ein kompetentes Architektenteam, das sich zusammen findet, dann ist der Erfolg garantiert.

 

TDF: Wie definieren Sie in diesem Zusammenhang die Rollen Teilprojektleiter versus Architekt; sollte das ein und dieselbe Person übernehmen.

Uwe Grensing: Meine Erfahrung ist, dass es hier sinnvoll ist diese beiden Themen auseinanderzuhalten. Es haut in großen Projekten einfach zeitlich nicht hin, wenn man beide Rollen vermischt. Zusätzlich kommt noch dazu, dass hier unterschiedliche Skills gefordert werden. Und es ist nicht zwangsläufig, dass ein guter Architekt auch ein guter Projektleiter ist und umgekehrt. Hier habe ich schon erlebt, dass ein guter Berater als Projektleiter einen schlechten Job abgeliefert hat und das ist Schade – die Leute sollten entsprechend ihrer Stärken eingesetzt werden.

 

TDF: Was sind die wichtigen SAP-Trends in den nächsten 5 bis 10 Jahren, wie wird sich das Beratungsgeschäft entwickeln? Auf was müssen sich SAP-Berater in den nächsten Jahren einrichten?

Uwe Grensing: Gerade wenn man als SAP-Berater in den Standard Brot und Butter Modulen unterwegs ist, muss man sich ernsthaft überlegen, ob es die eigene Arbeit in 5 Jahren in Europa noch geben wird. In vielen Unternehmen hat SAP mittlerweile Legacy Status und ist eine ziemlich etablierte Sache. Und die Unternehmen fragen sich, ob man tatsächlich noch teure Berater braucht, um das System am Leben zu halten. Es ist ja vielfach jetzt schon so, dass die AMS-Tätigkeit (Application Maintenance und Support) nicht in Deutschland erfolgt. Und auch klassische Beratertätigkeiten (Preisfindung, Kopiersteuerung, …) werden jetzt schon nicht mehr durch teure Berater übernommen, die aus Deutschland kommen, sondern von Osteuropäischen bzw. Indischen Beratern. Diese Berater sind günstiger und was die Skills betrifft vielfach gleichwertig. Damit muss sich jeder SAP-Berater fragen, welchen Mehrwert biete ich Kunden, den er woanders nicht günstiger erwerben kann.

 

TDF: Das ist natürlich eine sehr provokante These – was ist Ihr Ansatz hier, welche Mehrwert könnten SAP-Berater bieten?

Uwe Grensing: Eine Entwicklung ist es, dass viele Unternehmen in den Standard wollen. Aber wenn Unternehmen erkennen, dass der SAP-Standard an bestimmten Stellen keine zufriedenstellenden Lösungen liefert, sind Unternehmen heutzutage viel aggressiver, wenn sie spezifische Kunden-Anforderungen umsetzen wollen. Und genau an dieser Stelle wird ein Berater, der ein vernünftiges und integriertes Design abliefern kann, nicht leicht zu ersetzen sein.

TDF: Wäre es an dieser Stelle ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenn sich Berater zukünftig mehr darauf fokussieren, eine vernünftige Spezifikation zu erstellen?

Uwe Grensing: Ja natürlich … hier wird man zukünftig einfach vielmehr technisches Knowhow haben müssen, um diese Hürden zu meistern. Ein Beispiel hierzu ist ein Projekt, das mittlerweile 10 Jahre zurückliegt. Da ging es darum, verschiedene externe Logistikdienstleister an SAP anzubinden. Für diesen global tätigen Kunden habe ich damals auf der Basis der Auslieferprozesse einen XML-Standard definiert, der die verschiedenen tatsächlich implementierten Prozesse einfach und nachvollziehbar abgebildet hat. Die gleiche Spezifikation konnte in verschiedenen Szenarien mit verschiedenen Dienstleistern immer wieder verwendet werden, da der Prozessgedanke eben nicht nur als ARIS-Diagramm, sondern auch als implementierbare Schnittstellendefinition vorlag.

TDF: Vielen Dank für das Interview.


Uwe Grensing, Geschäftsführer der Grensing Business Technology Consulting GmbH

 

 

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