Kann man VMI essen – oder ein Logistikkonzept, das man kennen sollte

Um es vorabzusagen: Nein, VMI kann man nicht essen, aber VMI kann viel mit Essen zu tun haben – hierzu aber später mehr. Sagen euch die Begriffe ECR oder VMI etwas? Nein? Diese Abkürzungen haben zunächst nichts direkt mit SAP zu tun, aber viel Logistik. VMI steht für Vendor-Managed-Inventory und die Abkürzung ECR bedeutet Efficient-Customer-Response. Beide Konzepte haben zum Ziel Logitikkosten in Rahmen des SCM zu optimieren und den Servicegrad der Logitik zu steigern. Wikipedia definiert die Begriffe wie folgt:

ECR aus Wikipedia: Der Begriff Efficient Consumer-Response (auch ECR-Konzept oder Effiziente Konsumentenresonanz) bezeichnet eine Initiative zur Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Händlern, die auf Kostenreduktion und bessere Befriedigung von Konsumentenbedürfnissen abzielt. Dabei wird die Wertschöpfungskette, von der Produktion bis hin zur Kaufentscheidung der Verbraucher, auf Optimierungspotenziale untersucht.

VMI aus Wikipedia: Beim VMI übernimmt der Lieferant die Verantwortung für die Bestände seiner Produkte beim Kunden. Der Bestand beim Kunden wird vollständig vom Lieferanten veranlasst. Häufig wird dem Kunden im Gegenzug das volle Retourenrecht eingeräumt. Grundlage für die Berechnung der Lieferungen sind z. B. Verbrauchs- oder Abverkaufszahlen, die entweder bei der regelmäßigen Aufstockung durch den Lieferanten erfasst, oder auch elektronisch übermittelt werden können.

Das Konzept VMI in Verbindung mit ECR habe ich im Rahmen eines Projektes kennengelernt. Dabei war das Prinzip recht simpel und sah wie folgt aus:

# Einmal am Tag übermittelte der Kunden dem Lieferanten einen Datensatz. Diese Daten waren in Grunde eine Liste der Materialien, die am VMI teilnahmen und hatten folgende Informationen:

## Materialnummer
## Aktueller Bestand
## Mindestbestand

# Beim Lieferanten wurde die Liste analysiert und basierend auf den Analyseergebnissen entweder automatisch ein Kundenauftrag angelegt und die Ware beliefert oder es erfolgte keine Reaktion.

Leider muss ich an dieser Stelle sagen, dass dieser Prozess nicht mit den Standard Möglichkeiten in SAP umsetzbar ist. Das Unternehmen, für das ich gearbeitet hatte, nutzte zur Umsetzung dieses Szenarios ein AddOn.

Ultra-VMI in Istanbul

Während eines Istanbul-Besuchs kam ich erneut mit dem VMI Konzept in Kontakt, wobei es dieses Mal komplett anders umgesetzt war. Ich saß mit meiner Frau in einem Restaurant am Bosporus und wie in der Türkei üblich, wurde uns ein junges Paar an den Tisch gesetzt, da die übrigen Tische besetzt waren. Nach kurzer Zeit – wir waren dabei die Vorspeisen zu schlemmen – kamen wir mit dem Paar ins Gespräch; sie stellten sich als Merve und Rokan vor. Meine Frau und Merve hatten sich schon in die Details der türkischen Küche vertieft und Rokan und ich redeten über das Berufsleben.
Ich fragte Rokan, was er beruflich machte. Er sagte mir, dass er Bäcker sei. Als ich Bäcker hörte, kamen vor meinem geistigen Auge die tollsten Assoziationen hoch. Ich stellte mir vor, wie er am Tresen in einem der vielen Istanbuler Traditionsbäckerei seine Leckereien feilbot; doch so war es nicht. Er hatte eine kleine Industriebäckerei von seinem Vater übernommen und bediente im Grunde nur einen Kunden: Die historischen Fischerboote am Eminönü-Platz. An diesen Fischerbooten, die zu jeder Tageszeit mit Kundschaft überlaufen sind, bekommt man frischgegrillten Fisch als Sandwich serviert; und Rokans Bäckerei belieferte diese Fischerboote mit den Sandwich-Broten.
Rokan war ein zurückhaltender junger Mann von ungefähr 25 Jahren und ich fragte ihn, ob der Bäckerberuf schwierig war. Der verneinte meine Frage und sagte mir, die Schwierigkeit an seinem Job sei es, die Bestellungen der Fischer zu erfüllen. Ich stutzte zunächst und sagte nur, brauchst du mehr Mitarbeiter oder eine größere Bäckerei. Er sagte mir, nein das sei nicht das Problem. Die Herausforderung für ihn war, immer die exakte Menge an Brot zu beliefern, die Fischerboote an diesem Tag benötigten. Doch ich verstand immer noch nicht und fragte nach: „Die Fischerboote bestellen 10.000 Brote. Du backst sie und lieferst die aus. Was war so schwer daran, wenn du keine Kapazitätsprobleme hast?“ Rokan merkte, dass ich ihn immer noch nicht verstand und löste das Thema wie folgt auf: „Die Fischerboote wollen täglich von mir beliefert werden und wollen keinerlei Engpässe in der Brotbelieferung haben. Aber sie sagen mir nicht, wie viele Brote sie heute brauchen werden. Das ist meine Aufgabe. Gemäß meinen Erfahrungen, dem Wetterbericht, der Veranstaltungssituation in der Stadt und vieler weiterer Faktoren muss ich einschätzen, welche Menge Brot morgen benötigt wird und muss sie bereitstellen.“

Als ich es endlich verstanden hatte, dachte ich mir nur: Wow, das ist Ultra-VMI in Istanbul. Der Lieferant – hier Rokans Bäckerei – war völlig in der Verantwortung für die Bedarfserfüllung des Kunden.

 

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